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Bedrohte Vielfalt

Vom Eschentriebsterben sind zahlreiche Pflanzenarten betroffen

Eschentriebsterben
Foto: Lamiot, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

 

(28.7.2019) Kieler Ökologinnen und Ökologen erhalten 2,4 Millionen Euro von Bund und Land für Forschungsprojekt über das Eschensterben. Die in Europa heimische Esche wird bis zu 40 Meter hoch und 300 Jahre alt – wenn sie gesund ist. Doch sie ist bedroht – und damit auch die Artenvielfalt eschenreicher Wälder. Schuld ist ein invasiver Pilz aus Asien, der die Blätter verwelken und die jungen Triebe absterben lässt.


Ein Forschungsteam vom Institut für Ökosystemforschung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) untersucht, wie sich die Krankheit – das Eschentriebsterben – auf die biologische Vielfalt eschenreicher Wälder in Schleswig-Holstein auswirkt und welche Maßnahmen helfen können, diese zu erhalten. Die Vorbereitungen sind abgeschlossen, jetzt nimmt das Projekt „Bedeutung des Eschentriebsterbens für die Biodiversität von Wäldern und Strategien zu ihrer Erhaltung“ (FraDiv) konkrete Züge an.

 

Geleitet wird FraDiv gemeinsam von Professorin Alexandra Erfmeier und Professor Joachim Schrautzer. Es wird seit Februar dieses Jahres für sechs Jahre mit insgesamt 2,4 Millionen Euro im Bundesprogramm Biologische Vielfalt vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) und vom Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung in Schleswig-Holstein (MELUND) gefördert.

 

Bedroht sind seltene Pilz und Pflanzenarten, ganze Waldökosysteme und sogar der Mensch

 

Vom Eschentriebsterben sind in Deutschland zahlreiche Pflanzenarten betroffen, die man überwiegend nur in eschenreichen Wäldern antrifft; insbesondere aber 29 sogenannte Pilz-Verantwortungsarten. Sie leben in Symbiose mit den Eschen. Ebenso wie die Roten Listen liefern Verantwortlichkeitsanalysen bestimmter Arten wichtige Informationen für den Schutz der Biodiversität.

 

Das Strohfarbene Keulchen (Clavaria straminea) ist eine von 29 Pilz-Verantwortungsarten, die vom Eschentriebsterben bedroht sind.
Das Strohfarbene Keulchen (Clavaria straminea) ist eine von 29 Pilz-Verantwortungsarten, die vom Eschentriebsterben bedroht sind. Foto: Matthias Lüderitz

 

„Die Pilzarten Clavaria straminea, ein Vertreter aus der Pilzgruppe der Keulchen, oder Hygrocybe conica, auch Kegeliger Saftling genannt, könnten zum Beispiel durch den Wegfall der Esche aussterben“, erklärt Schrautzer und betont: „Diese und viele weitere bodenbewohnende Pilzarten erfüllen wichtige Funktionen, die den Wald gesund halten. Welche Ökosystemfunktionen und -dienstleistungen davon betroffen sein werden und welche Auswirkungen dieser Verlust für den Menschen haben wird, ist noch gar nicht absehbar. Allerdings speichern Wälder viel CO2, das durch den Verlust von Waldflächen freigesetzt wird. Zudem würden die für uns Menschen attraktiven Waldbestände durch den Ausfall und forstlichen Umbau ihren Naherholungswert verlieren. Das Eschentriebsterben hat also indirekt auch Auswirkungen auf jede Einzelne und jeden Einzelnen von uns“.

 

Auch der Kegelige Saftling (Hygrocybe conica) ist betroffen. Foto: Tanja Böhning
Auch der Kegelige Saftling (Hygrocybe conica) ist betroffen. Foto: Tanja Böhning

 

Eschentriebsterben: ein europaweites Problem

 

Das Verbreitungsgebiet von Eschen erstreckt sich von Südnorwegen bis nach Italien und reicht von Irland bis zum Kaukasus. Das Eschentriebsterben und der teilweise bereits flächige Ausfall dieser Baumart bedroht damit in hohem Maße die Biodiversität eschenreicher Wälder in ganz Europa. Erstmals beobachtet wurde der Befall in Europa Anfang der 1990er Jahre in Polen. Auslöser ist der Schlauchpilz Hymenoscyphus fraxineus. Er sorgt dafür, dass Eschen – egal ob Jungpflanzen oder ausgewachsene Bäume – absterben.

„In den vergangenen Jahren hat sich der Pilz von Nordost- und Nord- über Mitteleuropa bis nach Westeuropa stark ausgebreitet“, weiß Erfmeier. „In Deutschland wurde der Pilz erstmalig 2002 nachgewiesen. Seitdem ist das Eschentriebsterben im gesamten Bundesgebiet anzutreffen. Die Auswirkungen abzumildern und durch geeignete Maßnahmen zu begleiten, ist ein erklärtes Ziel von FraDiv.“

 

Von den Auswirkungen hin zu konkreten Maßnahmen

 

FraDiv besteht aus vier Themenschwerpunkten. „Zum einen wollen wir durch unsere Untersuchungen herausfinden, wie sich das Eschentriebsterben auf die Biozönose, also auf die Lebensgemeinschaft von Organismen in einem Biotop, auswirkt. Zum anderen geht es darum, die Ausprägung des Befalls sowie eine mögliche Verjüngung von Eschenpopulationen in Bezug auf die Diversität der Bestände zu analysieren“, erklärt Erfmeier. Schrautzer fügt hinzu: „Uns geht es aber auch um Aspekte, die für die Forstpraxis relevant sind: zum Beispiel, wie man Eschen-Jungpflanzen am besten anpflanzen kann, damit sie auch in bereits befallenen Beständen noch gute Startbedingungen haben oder wie es um die Entwicklung waldbaulicher Maßnahmen und Handlungsempfehlungen unter naturschutzfachlichen Gesichtspunkten steht.“

 

Viele offene Fragen

 

Um die vielen Aspekte näher zu untersuchen, stellt sich das sechs-köpfige Forschungsteam vom Institut für Ökosystemforschung eine Reihe von Fragen: Wie wirkt sich das Ausmaß des Eschentriebsterbens auf das Vorkommen und die Vitalität der direkt und indirekt an die Esche gebundenen Pilzarten und der pflanzlichen Biodiversität der Eschenstandorte aus? Welche Bedeutung hat die Wald- beziehungsweise Standortkontinuität für die Ausprägung des Eschentriebsterbens und das Vorkommen der Eschen-assoziierten Pilzarten? Welchen Einfluss haben biotische und abiotische Faktoren auf die Anfälligkeit älterer und junger Eschen? Unter biotischen Faktoren versteht man den Einfluss von Organismen auf die Prozesse der Ökosysteme, wie zum Beispiel Konkurrenz oder Fraß. Licht, Wasser und Nährstoffe etwa zählen zu den abiotischen Faktoren.

 

Ist die Esche ersetzbar?

 

„Wir prüfen, ob andere heimische Baumarten wie die Flatterulme, die Winterlinde, der Spitzahorn oder die Hainbuche die Rolle der Esche im Ökosystem zumindest zum Teil übernehmen könnten“, so Erfmeier. „Hierfür werden standortgerechte Baumarten und -herkünfte in Mischpflanzungen mit Eschen auf zwölf schleswig-holsteinischen Versuchsflächen angepflanzt – sechs in Wäldern zwischen der Flensburger und der Kieler Förde sowie sechs in ostholsteinischen Wäldern. Jede Versuchsfläche ist zwischen einem halben und einem Hektar groß.“

 

Hand in Hand mit der forstlichen Praxis

 

Die Kieler Ökologinnen und Ökologen setzen bei der Arbeit auf die Expertise von freiberuflichen Pilzexpertinnen und -experten sowie auf die Erfahrung von Forstbetriebsleitungen, sodass wissenschaftliche Befunde unmittelbar in naturschutzfachliches Handeln übertragen sowie Empfehlungen für konkrete Waldbau- und Restitutionsmaßnahmen entwickelt werden können. Davon erhofft sich das Forschungsteam, die Erfolgschancen für den Fortbestand der Eschen und ihrer Begleitarten zu erhöhen.
(CAU)

 

Weitere Informationen:
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Projekt FraDiv

Bundesprogramm Biologische Vielfalt

Verantwortungsarten in Deutschland



 

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